Kaninchen - die leichten Haustiere. Oder doch nicht?

Alles was ihr über die Kaninchenhaltung wissen solltet.

Kaninchen werden oft als die idealen Haustiere für Kinder angesehen, während ein Hund oder eine Katze zu aufwändig erscheinen. Aber ist der Unterschied wirklich so prägnant? Ist die Haltung von Kaninchen wirklich kinderleicht? 

Dazu mal eine kurze Geschichte einer Mutter, die ihrem Kind eine Freude bereiten möchte und einen inneren Monolog führt... 

„Meine Kleine hätte so gern ein Haustier und am liebsten einen Hund. Dafür ist sie jedoch noch zu klein, da es eine ganz große Verantwortung ist. Da hole ich ihr doch lieber ein kleines, kuscheliges Kaninchen, mit dem sie den ganzen Tag spielen kann. Viel Lebensraum braucht so ein Kaninchen schließlich nicht. Es ist ja nur ein kleines Tier und wenn ich einen großen Käfig hole, wird das schon passen. Natürlich lass ich es hin und wieder mal hoppeln, aber nicht so lange, dass es womöglich Köttel in der Wohnung verliert. Das ist nun wirklich unhygienisch. Im Tierbedarfsladen hole ich gleich mal eine schöne Grundausstattung an Futter, da gibt es wunderbar bunte Mischungen und ich muss nur noch auftischen. Der Züchter - ein robuster alter Mann, der schließlich die Erfahrung haben wird - sagt, wenn wir Brot oder Brötchen überhaben, immer rein damit. Das ist gut für die Zähne und sie mögen es auch so gern. Ich hatte erst überlegt, ob ich gleich zwei hole, aber zwei sind dann auch zu viel und zu teuer, wer soll sich darum kümmern? Da steigt mir auch mein Mann aufs Dach. Das eine ist schon gut so, meine Kleine hat es sich so gewünscht und sie soll ja schließlich auch lernen, Verantwortung für ein Haustier zu übernehmen.“ 

Ein paar Monate später beim Tierarzt... 

„Mein Kaninchen frisst irgendwie nicht mehr und ist so ruhig.“, erklärt die Tierhalterin. 
Ein Blick ins Maul des Tieres verrät eine Fehlstellung der Zähne.  
„Hm, das ist ja komisch, ich füttere doch schon extra hartes Brot, damit sie was zum Knabbern hat.“ 
„Was füttern Sie denn sonst noch?“, frage ich. 
„Naja, Gurke, Möhrengrün, Trockenfutter und etwas Heu, aber das mag das Kaninchen nicht so gern.“ 
„Das Heu sollte immer den Bärenanteil der Nahrung ausmachen, da die enthaltene Rohfaser für den Abrieb der lebenslang wachsenden Zähne sorgt. Brot hingegen enthält Zucker und das ist zum einen schlecht für den Verdauungstrakt und bewirkt, dass weniger Heu gefressen wird, weil es eine ähnliche magische Wirkung wie Schokolade auf Kinder hat. Also müssen wir dringend die Ernährung umstellen und regelmäßig Zahnkorrekturen durchführen - in Narkose. Da Kaninchen Fluchttiere sind und massiven Stress bei Manipulation am Maul im Wachzustand haben, müssen wir die Zähne wiederholt korrigieren. Bestenfalls arbeitet man sich wieder zu einem fast physiologischen Zustand hin. Schlimmstenfalls kann es auch möglich sein, dass Zähne extrahiert werden müssen. Außerdem müssen Sie das Kaninchen päppeln, solange es noch nicht von allein frisst - also dem Kaninchen alle 2-3 Stunden Nahrung zuführen.“ 
„Wie bitte??“ hallt es ungläubig. „Und was soll mich das kosten? Da kann ich ja gleich drei neue Tiere kaufen und überhaupt, der ganze Stress. Eigentlich habe ich das Tier für meine 5-jährige Tochter gekauft, aber die kümmert sich nun gar nicht mehr darum. Alles bleibt an mir hängen. Es tut mir ja leid für das Tier, aber das ist nun wirklich zu viel.“ 
„Dann gibt es nur die Möglichkeit, es abzugeben“, sage ich, „so dass es ab jetzt die Chance auf ein artgerechtes Leben bekommt.“ 
„Abgeben???“ schrillt es schockiert zurück, als wäre ich komplett herzlos. „Das kann ich meiner Tochter nicht antun, sie hängt doch so an dem Tier. Also das ist keine Option.“ 

 

Das, was sich hier überspitzt anhört, ist leider Realität und ich habe es schon allzu oft erlebt - und zwar genau so.  

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich durchaus viele ganz bemühte Kaninchenhalter habe, die sich bestens auskennen.  

Aber für all diejenigen, die mit dem Gedanken spielen, sich ein „leichtes Haustier“ für ihr Kind anzuschaffen und sich aber noch nicht mit dem Thema Kaninchenhaltung auskennen, möchte ich hiermit ein paar essenzielle Grundkenntnisse mit auf den Weg geben, die vielleicht zur Entscheidungshilfe beitragen. 

  • Gruppenhaltung: Kaninchen dürfen keinesfalls allein gehalten werden. Sie haben ein starkes Bedürfnis nach Sozialkontakten und -verhalten und weder die gut gemeinte Pflege durch einen Menschen noch ein Meerschweinchen ersetzt einen gleichen Artgenossen. 
  • Lebensraum: Wenn man ehrlich ist, ist ein Käfig für ein Kaninchen tabu. Sie brauchen entweder ein gesichertes Gehege im Garten oder in der Wohnung muss ausreichend Platz zur Verfügung gestellt werden, sodass sie ihrem Drang nach Bewegung nachkommen können. Jeder kennt doch Bilder von rennenden, Haken schlagenden und buddelnden Kaninchen in freier Natur? Sicher kann man nicht die freie Natur zur Verfügung stellen, wohl aber geeignete Maßnahmen treffen, um sich dem anzunähern. Außerdem müssen Stromkabel, Pflanzen, Plastikteile aus dem Weg geräumt werden, so dass hier keine Verletzungsgefahr besteht. Mental muss man sich darauf einrichten, dass Wände und Teppiche angeknabbert werden und nichts mehr ist wie vorher :-) 
  • Unterhaltung: Kaninchen brauchen Beschäftigung, es empfiehlt sich ausreichend Versteck- und Beschäftigungsmöglichkeiten zu integrieren. Ihrem Verlangen nach Buddeln kann man durch eine mit Sand gefüllte Kiste gerecht werden. 
  • Toilette: Da Kaninchen sehr reinlich sind, brauchen sie eine geeignete Toilette, z.B. eine offenes Katzenklo mit geeigneter Einstreu. 
  • Die Reinigung des Geheges und Lebensraumes ist zeitaufwändig und muss täglich erfolgen. 
  • Kaninchen können 10 Jahre oder älter werden, ist also fast vergleichbar mit einem Hundeleben. 
  • Die Nahrung sollte artgerecht und abwechslungsreich sein. Hier gilt es sich ein gewisses Wissen anzueignen, da die handelsübliche Nahrung meist nicht den Bedürfnissen der Tiere entspricht. 
  • Kaninchen sind Fluchttiere und werden in der Regel nicht gerne vom Menschen hochgehoben, sie werden instinktiv nervös. Daher sind Kaninchen nicht die idealen Tiere zum Schmusen für Kinder. 

Bevor man also die Entscheidung FÜR ein Kaninchen trifft, sollte man vorher im Blick haben, welche Intention man mit der Haltung eines Kaninchens verfolgt, welche Arbeit dahintersteckt und wie hoch der finanzielle Aufwand möglicher Weise sein wird. Die Tierarztkosten können aufgrund von akuten Erkrankungen schnell im dreistelligen Bereich landen. Zudem sollten auch Kaninchen regelmäßig untersucht und geimpft werden. Möglicherweise muss nicht nur der Bock kastriert werden, sondern auch die Häsin. 

Was passiert eigentlich, wenn ein Kaninchen verstirbt? Das andere kann und soll nicht allein bleiben, also müsste entweder ein neues Kaninchen her oder das Vorhandene zu einer anderen Gruppe dazu und somit abgeben werden.  

Ich denke spätestens hier wird klar, dass alles gut abgewogen sein sollte.  Selbstverständlich kann es ein Happy End mit Kaninchen geben, aber man sollte mit Leib und Seele dabei sein und sich vorher gut informieren - im Jahr 2021 sollte das ja problemlos gelingen. 

Autorin:

Stefanie Schmidt

Praxisleitung und Tierärztin in der Tierarztpraxis Am Wilden Mann in Dresden


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