Bewegung bei Hunden

- Viel hilft viel ist nicht immer „state of the art“


Wir freuen uns, euch heute ein paar wesentliche Einblicke zum Thema Bewegung bei Hunden aus tierärztlicher sowie verhaltensbasierter Sicht geben zu können.

Die wohl aufregendste Zeit ist der Einzug eines Welpen – das neue Familienmitglied lässt schließlich alle Herzen höherschlagen. Ihr habt euch nun also schon seit Wochen belesen und möchtet selbstverständlich alles richtig machen. Vermutlich habt ihr extra euren Jahresurlaub genommen, um den ganzen Tag für das neue Familienmitglied Zeit zu haben. Romantisch stellt ihr euch vor, wie ihr stundenlang in der Natur mit dem kleinen, knuffigen, noch etwas tollpatschigen Welpen umherschlendert und ihm möglichst in kürzester Zeit das 1x1 der Hundeerziehung beibringt – frei nach dem Motto „was man weg hat, hat man weg". 😄

Aber Moment... wieviel Bewegung tut einem Welpen überhaupt gut und wieviel Schlaf und Ruhephasen braucht er? Muss auch ein Welpe schon „ausgepowert“ werden, wie es so schön heißt oder sollte von Anfang an ein ganz anderer Ansatz gewählt werden? Und wie verhält es sich, wenn er dann ausgewachsen ist?

Wir beginnen mit dem tierärztlichen Teil - was also genau gibt es aus unserer Sicht zu beachten? Dafür machen wir einen kleinen Exkurs in die Welt der Anatomie und Pathophysiologie der Knochen und Gelenke. Abhängig von seiner Endgröße ist ein Hund mit 10-24 Monaten ausgewachsen - die Zwergrassen sind schnell „fertiggestellt", während die Riesenrassen sich bekannter Weise Zeit lassen. Das Wachstum „in die Höhe" findet an den langen Röhrenknochen statt, wie z.B. Oberarm- und Oberschenkelknochen. An den Enden dieser Knochen befinden sich sog. Wachstumsfugen (Epiphysen) - hier wächst die Knochenmasse bis zu seiner genetisch festgelegten Endgröße. Ist die vorbestimmte Größe erreicht, schließen sich die Wachstumsfugen.Während der Wachstumsphase entsteht hier also Knorpelgewebe zwischen den Wachstumsfugen, welches den Knochen auseinandertreibt und später zunehmend mineralisiert und somit zu stabilem Knochengewebe ausreift. Viel weiter wollen wir auch nicht ins Detail gehen, aber es wird sicher klar, dass dies eine fragile Phase darstellt, in dem nicht nur die Dauer, sondern auch die Intensität der Bewegung eine große Rolle spielt und in der Folge auch zu irreversiblen Schäden führen kann.

Auch die Bänder und Muskeln sind noch nicht ausreichend ausgebildet, weshalb die noch „weichen" Knochen und Gelenke die ganze Belastung beim Laufen und Springen tragen müssen.

Fazit: Stundenlanges Spazierengehen, verfrühtes Fahrradfahren, übermäßiges Toben und das Fehlen von Ruhephasen kann für einen wachsenden Körper schlimmstenfalls zu irreversiblen Schäden führen. Ist der Hund dann ausgewachsen, ist es mindestens genauso wichtig, die individuellen gesundheitlichen Bedürfnisse zu berücksichtigen. Hier kann man die Beschäftigung gezielter steuern, sollte aber auch beachten, dass die Aufnahmekapazität eines Hundes schnell überlastet sein kann.Hierzu stehen uns die Hundetrainer Kai und Nancy mit ihrem Know-How zur Seite und werden uns im heutigen Beitrag einen kleinen Einblick in die Hundeseele sowie den richtigen (Re-)Start in das Zusammenleben mit eurem Hund geben.

1. Wie viel Bewegung braucht ein Welpe/Junghund aus eurer Sicht?

Nancy: Der grobe Richtwert für das Bewegungsmaß eines Welpen sind 5 Minuten pro Lebensmonat des jungen Hundes. Dieses Maß gilt für Bewegung zusammenhängend und am Stück. Dennoch legt jeder Welpe individuell fest, wieviel Bewegung ihm wichtig ist. Sportliche Hunderassen können durchaus auch einmal am Tag eine längere Strecke zurücklegen. Jedoch sollte sich das Bewegungsmaß im Laufe des Tages so ausgleichen, dass Muskulatur und der Knochenbau nicht überfordert werden. Ständige ruckartige und sehr schnelle Bewegungen sind für einen Welpen im Wachstum gefährlich. Große Laufspiele mit abrupten Bewegungen sollten vermieden werden. Es ist durchaus möglich, dass ein Welpe oder junger Hund im Wachstum 6 oder 7 mal täglich für 15 bis 30 Minuten an der frischen Luft verbringt, sich dort kurze Einheiten bewegt und anschließend wieder zur Ruhe findet. Der Gedankengang, dass man mit einem Welpen direkt spazieren gehen muss, ist weit verbreitet, jedoch reicht es aus, sich mit ihm auf eine Wiese zu setzen, die Gegend gemeinsam zu erkunden oder einfach die Sonne und die frische Luft zu genießen. Dazu vermitteln wir in den ersten 12 Wochen, dass der Mensch zur Vertrauensperson wird, an der sich der Hund später gern orientiert. Weniger ist hier meist mehr! Der Mensch steht immer im Mittelpunkt.

Kai: Beim älteren Hund empfehle ich dir den Tag so zu gestalten, wie es Hunde auch tun würden. Unsere Struktur dafür ist Bewegung, Disziplin, Zuneigung. Wichtig ist nicht unbedingt, wie lange, wie weit oder wie schnell ihr gemeinsam unterwegs seid. Viel wichtiger ist die Qualität des Miteinanders. Zwei bis drei Stunden täglich sollte für diese Dates reserviert sein. Plane diese Zeiten so ein, wie es in deinen Tag passt. Der Hund wird sich gern anschließen. Mach es für dich und dein Hund darf dich dabei gern begleiten. Das nimmt oft den Stress raus. Viele Hundefreunde hechten von Termin zu Termin und MÜSSEN dann auch noch mit dem Hund raus. Das macht schnell beiden Seiten viel Druck, was nicht nötig ist. Also lautet mein Tipp hier auch: Qualität vor Quantität.

2. Spielt die Rasse bei der Dauer der Bewegung sowie bei der Auswahl der Beschäftigung eine Rolle oder gibt es da eine Faustregel für alle?

Nancy: Für einen Welpen, der zum Familienhund werden soll, spielt die Art und Dauer der Beschäftigung innerhalb des ersten Jahres eine wesentliche Rolle. Gerne darf sich das neue Familienmitglied langweilen und lernen mit viel Ruhe umzugehen. Dabei können sich Körper und Geist in vollem Umfang gesund entwickeln. Hier ist die Devise lieber einmal weniger als einmal zu viel. Viele Hunde haben von Natur aus ein hohes Energielevel, das bei übermäßiger Beschäftigung überdimensional ansteigt. Gerade deshalb ist es wichtig dem Hund viel Ruhe und Ausgeglichenheit zu vermitteln, ihn in viele Alltagssituationen zu führen, bei denen er viel zuschaut und durch beobachten lernen kann. Denn umso mehr aktive Auslastung und Bewegung dem Welpen von Anfang an gegeben wird, desto mehr fordert er im Laufe seines Lebens ein.

Kai: Alles was Nancy oben schon beschrieben hat, kann ich für den älteren Hund uneingeschränkt auch so empfehlen. Aus meiner Sicht ist für unsere Hunde die schönste Auslastung, wenn sie so oft es geht an unserem Leben teilnehmen können. Gemeinsam in Harmonie das Leben erleben! Was gibt es da Schöneres? Zur Rasse möchte ich noch sagen: Mach dir da bitte genau Gedanken was du möchtest. Passt der Hund mit seinen genetischen Anlagen in dein Leben? Reine Arbeitsrassen müssen wirklich ihrem Naturell entsprechend eingesetzt werden. Mal ein überzeichnetes Beispiel macht es schnell klar – ein Herdenschutzhund in einer Neubauwohnung und mit drei Runden täglich um den Block, wird dir sehr schnell „aufs Dach steigen“.

3. Wie wichtig ist Schlaf für einen Welpen?

Nancy: Viel Schlaf ist demzufolge das wichtigste Element für einen jungen Hund. Dabei kann er alle Reize des Alltags verarbeiten und sich regenerieren. Denn ist das Fass einmal voll, würde es sehr schnell überlaufen und das Resultat ist ein überdrehter und nicht mehr handelbarer Welpe. Als Richtmaß gilt hier dass der Welpe mindestens die doppelte bis vierfache Zeit der Aktivität vorher in Ruhe und im Schlafmodus verbringen sollte.

Kai: Unsere Hunde haben einen anderen Wach-Schlafrhythmus als wir Menschen. Dem sollten wir auch später immer gerecht werden. Hunde sind eher Penner. Ihr Tag ist geprägt von kurzen Wachphasen, die sich ständig mit Phasen der Ruhe abwechseln. Wir konnten beobachten, dass Hunde gern und oft auch einfach mal nichts tun. Bis zu 18 Stunden dösen Hunde einfach so rum. In dieser Zeit verarbeiten sie auch alle Reize, die sie mit dir erlebt haben. Fehlt diese Möglichkeit, produziert das schnell ständig aufgedrehte, kränkelnde und aggressive Hunde.

4. Ab welchem Alter sollte man ein richtiges Training mit dem Hund beginnen?

Nancy: Es gibt einen enormen Unterschied zwischen Training und Erziehung. Mit dem Training sollte beim Familienhund erst begonnen werden, wenn er bereits gut erzogen ist. Und die Erziehung beginnt ab dem ersten Tag, wo der Welpe bei dir einzieht. Eigentlich beginnt die Erziehung schon viel früher, und zwar in der Wurfkiste der Mutter. Diese wird dann fortgesetzt sobald der Welpe euch kennenlernt. Mit reinen Trainingsinhalten wie Apportieren, die Ausbildung zum Rettungshund und vieles mehr, kann man sich ein wenig mehr Zeit lassen, als bei der grundlegenden Erziehung.

Kai: Die Erziehung ist die pädagogische Einflussnahme auf das spätere Verhalten des Hundes. Die Erziehung ist somit die Basis, die euer soziales Miteinander definiert. Sie ist stark geprägt von deinen Werten und Vorstellungen, wie du mit dem Hund in einer Gruppe zusammenleben möchtest. Das ist wirklich ganz, ganz individuell. Die Ausbildung formt später spezielle Verhaltensabläufe und baut auf das Fundament der Erziehung auf. Da wird dann auch trainiert. Erziehung hat mit Training nichts zu tun. Erziehung findet immer statt, 24 Stunden, 7 Tage die Woche oder eben 365 Tage im Jahr. Aus meiner Sicht wird gerade das beim Familienhund oft zu wenig beachtet. Es wird zu früh trainiert, versucht, probiert und zu wenig erzogen! Der Hund versteht sehr schnell das Sitz, Platz, Bleib – hat damit aber noch nicht verstanden, was er nicht tun soll. Zur Sicherheit des Hundes ist es unsere Verpflichtung, dass wir ihm auch Grenzen zeigen, damit er sich nicht in Gefahr bringt. Von A wie Ampel bis W wie Wasserkocher gibt es in unserem Leben viele Dinge, die für ihn schnell zur Gefahr werden können. Da sind wir gefragt und da versagen klassische Ausbildungs- oder Trainingsstrukturen.

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass uns allen das Thema sehr am Herzen liegt. Deshalb fallen Nancys und Kais Antworten auch etwas umfangreicher aus. Nancy antwortete aus der Sicht der Expertin für Welpen und Kai ergänzte die Antworten noch für älteren Hunde. Wir möchten euch so einen umfassenden Blick auf dieses wichtige Thema geben. Diese vier Fragen können das Thema nur am Rand ankratzen. Es gäbe dazu noch so viel zu sagen. Bei den Antworten beziehen sich die Experten ganz bewusst auf den Familienhund. Für Hunde die einen richtigen Job haben, ist dies unter Umständen ganz anders zu bewerten. Ebenso für Hunde die aktiv im Sport geführt werden. Wir hoffen, wir konnten euch die wichtigsten Aspekte zur Bewegung bei Hunden näher bringen! 


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